Jan 1

Ja sagen zu dem, was ist

Meditation
© Philipp Wiebe / pixelio.de

Widerstand gegen unerwünschte Umstände hat die Kraft, diese Umstände lange am Leben zu halten. - Pema Chödron

Unsere erste Reaktion, wenn wir negative Gefühle oder stressige Gedanken in uns wahrnehmen, ist oft, uns gegen sie zu stellen, Widerstand aufzubauen. Wer will schon zornig, verzweifelt, geizig, neidisch oder mürrisch sein? Wer will schon pessimistische, zweifelnde, selbstmörderische, (selbst-)hasserfüllte oder depressive Gedanken haben? Kein Wunder, wenn wir gleich in Habachtstellung gehen, sobald "so etwas" in unserem Bewusstsein auftaucht!

Was ist eigentlich so schlimm daran, sich so zu fühlen oder so etwas zu denken?

Erstens glauben wir, wenn wir solche inneren Regungen zulassen, dann werden sie irgendwie für immer bleiben. Sie würden sich dann einnisten und all unsere Bemühungen, glücklich zu sein und ein gutes Leben zu leben, zunichte machen. Wir meinen, sie würden uns definieren; wenn wir sie zuliessen, dann würden wir nicht nur ab und zu mal einen depressiven Gedanken haben oder ab und zu mal zweifeln, sondern wie befürchten, dass wir zu Depressiven werden oder zu chronischen Zweiflern. Wenn wir unsere Angst wirklich fühlen würden, dann hätten wir nie mehr Mut.

Es ist eine Art Aberglauben in uns, dass Gedanken und Gefühle letztlich wahr werden, wenn wir nicht gleich innerlich gegen sie angehen. Wenn ich denke und fühle, eine Versagerin zu sein, dann werde ich eine Versagerin werden oder bin es schon. Wenn ich Zweifel zulasse, dann werde ich mich nie entscheiden können. Wenn ich Trauer herein lasse, dann werde ich zu einer ewig Unglücklichen werden. Wenn ich zulasse, (selbst-)hasserfüllte Gedanken zu haben, was sagt das dann über mich? Mit mir stimmt etwas nicht?

Oft fühlen wir Scham angesichts unserer unerwünschten Gedanken und Gefühle. Sollten wir nicht schon viel weiter sein? Sollten wir nicht schon darüber hinweg sein? Sollten wir nicht erwachsene, vernünftige Menschen sein?

Die Sache ist die: wir haben nur sehr begrenzte Kontrolle darüber, wann wir was denken und fühlen. Und es hat absolut nichts mit uns persönlich zu tun. Gedanken und Gefühle kommen und gehen, sie definieren uns nicht. Wie eine meiner Lieblings-Meditationslehrerinnen Sharon Salzberg sagt: Wir nehmen uns nicht vor, morgen früh um 9.13 Uhr voller Selbsthass zu sein. Oder um 17.46 voller Liebe und Zuneigung.

Wenn Sie wollen, machen Sie doch mal folgende kurze Übung, die ich zurzeit in meiner Meditations-Challenge anbiete: stellen Sie sich eine Situation vor, in der Sie letzthin waren und die unangenehme Gefühle und/oder Gedanken bei Ihnen ausgelöst hat, die Sie lieber nicht gehabt hätten. Versetzen Sie sich so weit es sich jetzt gerade richtig anfühlt in diese Situation hinein. Empfinden Sie die Gefühle, die Sie hatten. Und nun sagen Sie innerlich zu diesen Gefühlen Nein. Nein, nein, nein. Wie fühlt sich das an?

Und nun wechseln Sie langsam zu einem Ja zu diesen Gefühlen und Gedanken. Ja, ja, ja. Und das bedeutet nicht, dass Sie diese Gefühle und Gedanken ausagieren oder sich von ihnen mitreissen lassen sollen. Es bedeutet nicht, dass Sie diese Gedanken für wahr halten und sie weiter verfolgen sollen. Es bedeutet auch nicht, dass Sie sie toll finden und denken sollen: so möchte ich mich immer fühlen.

Es geht nur darum, Ja zu dem zu sagen, was bereits da ist. Es nicht zu bewerten, es nicht festhalten und nicht loswerden zu wollen. Wenn Sie möchten, können Sie sich eine Hand auf den Körper legen, auf die Herzregion oder wo es sich beruhigend und unterstützen anfühlt und ein paar Minuten einfach mit den Gedanken und Gefühlen sein. Sich den Raum zu geben, das jetzt zu fühlen. Und dann lösen Sie sich wieder von der Situation und lassen Sie wieder an ihren Platz in Ihrer Vergangenheit zurück - sie ist vorbei! Sie sind wieder im Hier und Jetzt!

Was haben Sie erlebt? Wenn Sie das erlebt haben, was ich und viele meiner Klientinnen erlebt haben, dann war das Ja stimmiger, selbst wenn die Gefühle und Gedanken unangenehm oder sogar schmerzlich waren. Vielleicht waren die Empfindungen letztlich gar nicht so furchteinflüssend, wie Sie dachten. Vielleicht sind die Gefühle und Gedanken ganz von selbst weniger geworden und verschwunden - das passiert nicht immer, aber oft. Vielleicht war es weniger erschöpfend, denn meist erschöpfen uns nicht unsere Gefühle und Gedanken, sondern der Widerstand, den wie gegen sie haben, wenn wir uns vor ihnen fürchten. Vielleicht war es sogar ganz schön, so sein zu dürfen, wie Sie eben gerade waren. Nichts verbessern, optimieren zu müssen.

Wie Pema Chödron, eine sehr weise westliche buddhistische Nonne im Eingangszitat andeutet: die Dinge, gegen die wir uns wehren, bekommen einen Platz in unserem Leben. Oft einen Dauerplatz in der ersten Reihe! Das ist ein Paradoxon, das ich besonders liebe: die Dinge, die sein dürfen, verändern sich. Die, die nicht sein dürfen, haben die Angewohnheit zu bleiben.

 

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Jan 1

Die Kraft der guten Absicht oder das Gute am Scheitern

Mohnknospe
© Angelika Wolter / pixelio.de

"Als wir das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengungen!"
Marc Twain

Wir alle wollen etwas. Vielleicht einen (besseren) Job, mehr Geld, ein Kind, einen Partner oder eine Eigentumswohnung. Oder wir wollen mehr innere Ruhe, Freiheit von Stress und Hektik, Gesundheit, Glück oder mehr Durchsetzungskraftt. Oder 1000 andere Dinge hintereinander oder manchmal auch gleichzeititg.

Oft setzen wir uns dann Ziele, wie z.B. an der Karriere zu arbeiten, regelmäßig Yoga zu machen oder zu meditieren, zu bestimmten Zeiten Sex zu haben, zu sparen oder was wir eben auch immer tun, um das zu bekommen, was wir wollen.

Und egal welches Ziel wir uns setzen, es wird der Tag kommen, an dem wir einen Rückschlag erleiden. In der Meditation beispielsweise lasen uns unsere Gedanken nicht los, das Geld für die Sparrate ist nicht da, die Cholesterinwerte sind wieder gestiegen, das Glück will sich nicht einstellen, der Chef ist unzufrieden und die Beförderung weit weg.

Wir haben gelernt, dann hart mit uns zu sein, uns Vorwürfe zu machen, uns Versagen vorzuwerfen. Wir beschliessen vielleicht, nachdem wir die Wunden geleckt haben, uns noch mehr anzustrengen ... oder wir lassen es frustriert sein, da das mit uns ja offensichtlich eh nichts mehr wird.

Dabei ist gerade in dem Moment des vermeintlichen Scheiterns oder des Rückschritts ein großer Schatz verborgen: ich kann innehalten (wenn ich ja eh schon auf der Nase liege ...) und mich wieder verbinden mit meiner guten Absicht. Was ist die Absicht hinter meinem Ziel? Das, was ich eigentlich möchte? Das, was ich für möglich und erstrebenswert halte in meinem Leben?

Vielleicht stelle ich sogar erstaunt fest: mein Ziel stimmt gar nicht mehr mit meinen guten Absichten überein und ich sollte es neu formulieren, meinen Kurs an einen neuen Leuchtturm anpassen. Das kann manchmal auch ein Moment der Trauer sein, wenn wir ein Ziel fallen lassen müssen, weil es einfach nicht mehr zum Leben passt.

Oder ich stelle fest: meine Intention gilt noch und ich will mich wieder mehr mit ihr verbinden, sie erfrischen! Ich will mich wieder auf das Licht des Leuchtturms konzentrieren und es nicht aus den Augen verlieren, auch wenn die See mal rauh wird.

Rückschlage und Mißerfolge sind immer Geschenke, da sie uns zwingen innezuhalten in der (manchmal rastlosen) Verfolgung unserer Ziele und uns zu fragen, ob das eigentlich noch passt. Und wenn ja, den Blick auf das zu richten, was wir in unseren Leben manifestieren wollen, statt auf das, was wir vermeiden wollen. Rückschläge laden uns dazu ein, wieder zu beginnen, einen neuen Anfang zu wagen. Nicht in der Vergangenheit hängen zu bleiben, sondern aus ihr zu lernen und weiter zu gehen.

Rückschläge geben uns (wenn wir uns einen Moment des Luftholens gönnen) wertvolle Informationen darüber, was in Bezug auf unseren Leuchtturm, d.h. unsere tieferen Absichten hinter unseren Zielen, hilfreich und was weniger hilfreich war. Was funktioniert hat und was nicht funktioniert hat. Dann können wir mit dem weitermachen, was funktioniert hat, was in Übereinstimmung mit unseren Absichten war. In Wirklichkeit verdoppeln wir nach Rückschlägen jedoch häufig nur unsere Anstrengungen, das Ziel zu erreichen, und machen weiterhin die Dinge, die vorher schon nicht funktioniert haben, nur mit doppelter Kraft.

Oft ist ein Rückschritt oder Mißerfolg ein Moment, in dem wir (statt uns fix und fertig zu machen, in dem Glauben, dass uns das irgendwie weiter pushen würde) betrachten können, was uns bis hierher gebracht hat. Was wir getan haben, um dem Leuchtturm näher zu kommen. Wir können würdigen, dass wir Absichten haben, unser Bestes geben, auf dem Weg sind.

Oft wollen wir, insbesondere nach Rückschlägen, am liebsten schon Meilen weiter sein, anstatt ausgerechnet hier. Und vergessen dabei, dass jede Erfolgsgeschichte - ganz egal was der Erfolg ist, äußerlich oder innerlich, materiell oder immateriell - an irgendeinem Punkt auch eine Geschichte des Scheiterns war.

 W

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Jan 1

Achtsamkeits- & Vipassana-Meditation

Meditation und Achtsamkeit
© Dr. Stephan Barth / pixelio.de

"Wenn du müde geworden bist vom Laufen nach den Sternen, dann setz dich nieder in die Stille und lausche auf die Quelle" - Phil Bosman

Im Januar startet meine Meditations-Challenge 2016 mit einem Monat morgentlicher Achtsamkeitsmeditation.

Achsamkeitsmeditation, auch unter ihrem alten buddhistischen Namen Vipassana bekannt, ist die jahrtausende alte Meditation des Buddha. Durch einige Mönche, die diese Meditationsform nach Europa gebracht haben, und vor allem durch den Amerikaner Jon Kabat-Zinn, der sie in das Format der Mindfulness Based Stress Reduction MBSR gebracht hat, ist Achtsamkeit heute weit verbreitet.

Was heißt das, Achtsamkeit? Eine mögliche Antwort: nicht-bewertende Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt. Das heißt, die Aufmerksamkeit ist in diesem jetzigen Moment; bei dem, was jetzt gerade geschieht. Sie ist nicht in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit. Und diese Aufmerksamkeit, die wir den jetzigen Phänomenen – also Sinneswahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen - schenken, bewertet sie nicht. Lärm ist so gut wie Musik. Ein Gefühl von Ärger oder Langeweile ist so gut wie Freude. Ein rastloser Geist ist so gut wie ein friedvoller.

Es geht darum, einfach nur zu sein, mit dem was ist. Ohne dabei ein Ziel zu verfolgen, einen bestimmten Zustand herbeiführen zu wollen. Es geht darum, aufzugeben, etwas zu wollen. Die Meditation ist nicht besser, wenn sich ein friedliches, erleuchtetes Gefühl einstellt und nicht schlechter, wenn der Geist keine Ruhe geben will.

Dennoch ertappen wir uns vielleicht immer wieder dabei, wie wir während der Meditation etwas wollen: mein Geist sollte nicht abschweifen, ich sollte mich friedlich fühlen, nach der Meditation sollte es mir gut gehen. Wenn unsere Erwartungen dann nicht in Erfüllung gehen, fühlen wir uns als Versager: ich kann noch nicht einmal still sitzen, ich bin zu unruhig zum Meditieren!

Doch das ist gar nicht möglich, zu unruhig zu sein zum Meditieren, denn Meditation bedeutet nicht ruhig zu sein, sondern mit der Unruhe zu sein und sie nicht ändern zu wollen. Dann wird immer klarer: es gibt diese Unruhe und es gibt eine Präsenz, die diese Unruhe auf liebevolle und nicht-bewertende Art und Weise betrachtet. Das ist Achtsamkeit. Das ist das, was wir sind, jenseits unserer Gedanken und Gefühle.

Nichts zu wollen läuft jedoch vielen unserer inneren Programme zuwider. Vielleicht kommt bei Ihnen der Gedanke: Wozu soll ich herumsitzen und nichts tun wollen? Was soll daran gut sein?

Es ist eine enorm wirkungsvolle und heilsame Übung, nichts zu tun und nichts zu wollen; das, was ist, anzunehmen, wie es ist, ohne es ändern zu wollen. Zu lernen, bestimmte Phänomene nicht als persönliches Versagen zu betrachten und immer und immer wieder von vorne zu beginnen. Wir werden dadurch gelassener und können die Wellen des Lebens besser reiten, wie es Jon Kabat-Zinn so treffend sagt.

Vipassana wird auch als Meditation der wachen Präsenz bezeichnet. Es ist eine Meditationsform ohne Meditationsobjekt (wie eine Kerze, ein Mantra oder der Atem). Du sitzt einfach da, atmest, Gedanken und Gefühle kommen und gehen, du verhinderst nichts, du beförderst nichts. Du mischt dich nicht ein, du bist einfach still, egal was geschieht.

Zu Beginn des Erlernens der Achtsamkeitsmeditation ist es jedoch durchaus üblich und sinnvoll mit einem Meditationsobjekt zu arbeiten. Das kann der Atem sein, der Körper oder ein Objekt. Dies tun wir auch zu Beginn unserer Achtsamkeitspraxis.

Pyar, meine spirituelle Lehrerin, sagt:

„In der Meditation er-innern wir uns und kehren zurück zu unseren Wurzeln: Der grundlegenden Gutheit, der Weite und Klarheit des Raumes und des Geistes selbst – weit vor jedem Gedanken oder Gefühl.“

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Phänomene unserer materiellen Existenz nicht wertvoll wären und wir ihnen nun entsagen sollen. Im Gegenteil - wir sollen sie auskosten! Nur manchmal verlieren wir uns in ihnen. Wir verlieren uns in unsereren Zielen, Erwartungen, Erinnerungen. Wir glauben, wir sind unsere Gedanken und Gefühle. Wir vergessen die Quelle bzw. unsere Wurzeln.

Der tibetischen Meisters Padmasambhava hat in einem wunderschönen Spruch dieses Sein jenseits der Gedanken und Gefühle beschrieben:

„Im unendlichen Mandala des Raumes haben alle Phänomene leicht Platz, sie haben Platz und da ist immer noch Weite. Im leeren Mandala der Geistessenz finden Erscheinungen und Dasein, Götter und Dämonen leicht Platz. Sie alle finden Platz und doch bleibt immer noch Weite.“

Diese Weite ermöglicht uns eine ganze andere, gelassenere Perspektive auf unser kostbares irdisches Dasein mit all seinen Herausforderungen.

Um dies zu erfahren ist eine regelmäßige Meditationspraxis sehr hilfreich. Deshalb lade ich dch herzlich ein, bei meiner Meditations-Challenge 2016 dabei zu sein.

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